Die Robert Bosch Stiftung hat in ihrem Förderprogramm „Denkwerk“ Geld für Projekte an der Schnittstelle zwischen Geisteswissenschaften und Schulen zur Verfügung gestellt. Bei „Denkwerk“ sollen sich Geisteswissenschaftler, Lehrer und Schüler vernetzen und gemeinsam an dauerhaften Projekten arbeiten. Es ist uns gelungen, mit unserem Konzept eines Brandenburger Antike-Denkwerks (BrAnD) umfangreiche Drittmittel für drei Jahre einzuwerben. Jedes Jahr können 10 Schulprojekte mit je 700, - € unterstützt werden.
Das auf drei Jahre angelegte Programm BrAnD will entflammen, und zwar das Interesse von Schülerinnen und Schülern für das Fach Latein, die antike, die eigene und fremde Kultur sowie die Geisteswissenschaften generell. Die antike Kultur, uns als Wurzel der europäischen Kulturgeschichte vertraut, aber doch so fremd, soll in diesem Denkwerk die Grundlage bilden, um über 'Kulturelle Identität' zu reflektieren und zu forschen. BrAnD kann dabei bereits bestehende Strukturen aufgreifen und ausbauen. Der bisher einmal im Jahr stattfindenden Veranstaltung des Potsdamer Lateintags soll ein Denkwerk an die Seite gestellt werden, das nicht aus einer einmaligen Wissensvermittelung besteht, sondern in dem Anregungen aufgegriffen und in von Schülern gestaltete Forschungsprojekte umgesetzt werden, wodurch Nachhaltigkeit in Wissens- wie Kompetenzerwerb angestrebt ist. Jedes Jahr wird ein Themenbereich (A: Alltagsleben/Prägung kultureller Identität; B: o tempora, o mores. Relevanz und Relativierung von Wertbegriffen; C: Macht und Ohnmacht der Worte – Gesellschaft und Rhetorik) bei dem Potsdamer Lateintag vorgestellt und anschließend an den Schulen in Einzelprojekten erarbeitet. In der Bearbeitungsphase werden die Schüler/innen von Studierenden unterstützt; die Studierenden selbst werden durch Vertreter der Fachdidaktik bzw. des Studienseminars betreut; ferner besuchen Fachwissenschaftler/innen die Projekte. Die Projekte werden am folgenden Lateintag präsentiert und ausgewertet; Berichte über die Projekte werden in einer Zeitschrift veröffentlicht; Materialen u.ä. auf einer Internetseite zugänglich bemacht. Zielgruppen sind ganze Klassen verschiedener Altersstufen. Das besondere Charakteristikum wird die enge Kooperation zwischen Universität (Klassische Philologie und Fachdidaktik), Schulen (vertreten durch die Fachberater/innen Latein) sowie Referendariatsausbildung (Studienseminar Neuruppin) sein, ein Ansatz, der innovativ ist, da es in Brandenburg auch in anderen Fächern bisher nichts Vergleichbares gibt. BrAnD ist interdisziplinär angelegt; der Schwerpunkt liegt im Fach Latein, hinzugezogen werden jedoch auch Alte Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und Archäologie.
Übergeordnetes Thema ist 'Kulturelle Identität', wobei der Kulturbegriff weit gefasst wird. Dieses Thema soll innerhalb von drei Jahren in aufeinander abgestimmten Einzelprojekten erarbeitet werden (A-C; s.u.). Diese Themen sind so ausgewählt, dass sie ganze Klassen als Zielpartner haben; angesprochen werden alle Klassenstufen, da die Themen auf verschiedenen Stufen bearbeitet werden sollen und können. Dies wird dadurch möglich, dass sie auf die neuen curricularen Vorgaben für den Lateinunterricht in der Sekundarstufe II bzw. auf den Rahmenplan der Sekundarstufe I (Kerncurriculum für die Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe/Latein, 2006; RLP Latein, Sek. I, 2002) Bezug nehmen; sie bilden diese jedoch nicht einfach ab, sondern erweitern und vertiefen sie, indem sie Einzelaspekte in größere Zusammenhänge einordnen; da sie dabei keine gänzlich neuen Gebiete behandeln, können sie in den Schuljahresplan integriert werden. Sie erfüllen zugleich in hervorragender Weise den erweiterten wissenschaftspropädeutischen Ansatz des Curriculums sowie die Forderung an die Schulen, mit außerschulischen Kooperationspartnern wissenschaftsorientiert zusammenzuarbeiten. Ebenso tragen die Themen zur Entwicklung der interkulturellen Kompetenz bei, die zu den zentralen Zielen des Kerncurriculums gehört.
Nicht nur die Tatsache, dass es der Alltag ist, der die kulturelle Identität – oft unbewusst – grundlegend prägt, war ausschlaggebend, dieses Thema zum Einstieg zu wählen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es gerade die Auseinandersetzung mit Alltagsgegenständen, -tätigkeiten und -riten ist, die den ersten Einblick in eine fremde Kultur erleichtert: Das Fremde und Ver-bindende kann hier besonders leicht erkannt werden; man wird angeregt, die eigene kulturelle Identität zu überdenken; die Antike wird als unser nächstes Fremdes greifbar.
Hierbei sollen Projekte zu folgenden Aspekten erarbeitet werden, bei denen
auch der realienkundliche Bereich eine größere Rolle spielen kann
und soll:
A.1. Wohnen in der Antike
Wie wohnte man? Wer wohnte wo und wie? Wie lebte man in der Stadt, wie auf
dem Land? Wie bestimmt das Wohnen die soziale Differenzierung? Wer plante
die Städte? Wie wurden Städte versorgt? Welche Folgen haben die
Wohnformen für die soziale Kommunikation? Wie wird Wohnen in der Literatur
thematisiert? Welche Nachwirkungen haben die antiken Wohnformen heute; was
ist ähnlich, was anders?
A.2. Essen in der Antike
Was aß man? Wer aß was? Wie veränderte sich das Essverhalten?
Welche Rolle spielt Essen in der sozialen Differenzierung? Welche Rolle spielen
Essenseinladungen für die soziale Kommunikation? Wie wird Essen in der
Literatur inszeniert? Wo sind Parallelen, wo Unterschiede zu heute?
A.3. Kleidung in der Antike
Was trug man? Wer trug was? Was sagte Kleidung aus? Welche Rolle spielte Kleidung
für die soziale Kommunikation? Welche Rolle spielt Kleidung in der Literatur?
Gab es eine der heutigen Mode vergleichbare Erscheinung in der Antike? Gab
es modische Trends? Und wenn ja: Wer setzte sie?
A.4. Badekultur in der Antike
Welche Rolle Hygiene in der Antike? Was waren Thermen? Wie funktionierten
sie? Wer besuchte sie? Wie unterscheiden sie sich von modernen Bade- und Sportanlagen
bzw. welche Rolle spielten sie für die soziale Kommunikation? Wie werden
sie in der Literatur behandelt?
A.5. Lesen und Schreiben in der Antike
Wie schrieb man? Wer konnte lesen und schreiben? Was las man überhaupt?
Welche Macht erwarb man durch diese Kompetenzen? Was hat davon bis heute Nachwirkung?
In der heutigen Zeit, in der die Wertediskussion wieder entbrannt ist, richtet sich der Blick häufig, aber bisweilen unhinterfragt auf die Werte der Antike. In dem Versuch, sich gegenüber anderen Kulturen oder politischen bzw. gesellschaftlichen Systemen abzugrenzen, greifen viele Politiker und Gesellschaftswissenschaftlicher auf das gemeinsame geistes- und kulturgeschichtliche Fundament Europas zurück. In diesem Projekt soll exemplarisch die Besonderheit der römischen Wertvorstellungen erarbeitet werden. Was verstand man unter dem so genannten mos maiorum? Wie konnten diese Werte so lange tradiert werden? Wie 'funktionierten' sie? Welche Ursachen führten zum viel beklagten Werteverfall in der späten Republik? Sind diese Wertvorstellungen überhaupt mit unseren zu vergleichen?
Hierbei sollen Projekte zu folgenden Aspekten erarbeitet werden:
B.1. mos maiorum – Der römische Wertekanon
Welche Begriffe gehören zu den römischen Wertvorstellungen? Was
implizieren sie? Inwiefern unterscheiden sie sich von griechischen oder modernen?
B.2. Wertewandel und seine Ursachen aus der Sicht antiker
Autoren
Untersucht werden soll der dynamische Aspekt der römischen Wertvorstellungen:
Wie haben Zeitströmungen auf die Ausformung der Werte jeweils eingewirkt?
Wie lange gaben diese Wertvorstellungen als mos maiorum ein gültiges
Orientierungsschema ab?
B.3. ad rem publicam accedere aut de re publica recedere?
Soziale Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen und die Antworten der
Philosophie (Stoa und Epikur)
Untersucht werden soll der aktive Aspekt der römischen Wertvorstellungen:
Handelt es sich um philosophische Ideen oder erweist sich uirtus oder fides
erst in der Aktion? Welche Antworten gaben die Stoa und Epikur? Traten diese
in Konkurrenz zu den tradierten Wertvorstellungen? Kann die antike Philosophie
Argumente für oder gegen ein politisches Engagement junger Menschen heute
(im Deutschland des Jahres 2007) liefern?
B.4. do ut des. – Ich gebe, damit du gibst.
Untersucht werden soll der reziproke und funktional-pragmatische Aspekt traditioneller
römischer Wertvorstellungen: Wie ‚funktionierten‘ Werte in
Rom? Waren sie in der römischen Welt ohne Wechselwirkung möglich,
d.h. welche Reaktionen waren impliziert? Handelte es sich um ethisch begründete
oder gar philosophisch fundierte Werte oder um auf die Praxis ausgerichtete
Leitlinien? Wie funktionieren Wertvorstellungen heute?
B.5. humanitas – Humanität. Ein Erbe der römischen
Antike?
Kaum ein Begriff hat im europäischen Denken eine vergleichbare Nachwirkung
gehabt wie die humanitas, gilt sie doch als Basis für die globalen Menschenrechte
sowie für die westlichen Demokratien. Untersucht werden soll, wie römische
Autoren (z.B. Cicero und Seneca) diesen Begriff entwickeln, wie er sich zu
den traditionellen römischen Wertvorstellungen verhält, in welcher
Zeit er besondere Wirksamkeit entwickelt, wie er im europäischen Denken
rezipiert wurde, welche Rolle der christliche Einfluss spielt und welche Bedeutung
humanitas in unserer Zeit haben kann.
Materialien zu "B. o tempora, o mores. Relevanz und Relativierung von Wertbegriffen (2008/9)"
Aus der Antike stammen nicht nur die heute noch benutzten Rhetoriktheorien und -anweisungen. Auch das reziproke Verhältnis von Gesellschaft und Rhetorik wurde hier vorgelebt und vorgedacht. In diesem Projekt soll mit antiken Rhetoriklehren vertraut gemacht werden, antike Reden auf deren Umsetzung und auf ihre Wirkung betrachtet und die Möglichkeit einer heutigen Umsetzung überprüft werden: Welche Wirkung kann man mit gezieltem Einsatz der von antiken Rhetoriklehrern empfohlenen Mittel erzeugen? Kann man so auch heute noch „die schwächere Sache zur stärkeren“ machen? Daneben soll aber auch das reziproke Verhältnis von Staatsform und Beredsamkeit bzw. Redefreiheit untersucht werden. Dies leitet zur übergeordneten Frage zum Verhältnis von Wort und Macht: Wer bestimmt in den Bereichen, die uns direkt angehen, wer in wessen Namen und mit welchen Folgen was wie zu wem sagen darf?
Hierbei sollen Projekte zu folgenden Aspekten erarbeitet werden:
C.1. Rhetor - orator. Welche Anleitungen für den Redner
in der griechischen und römischen Antike gab es? Welche Konstanten zeigen
sich in den Vorschriften griechischer und römischer Anleitungen? Worauf
kommt es beim Reden an? Sind diese Regeln heute noch gültig?
C.2. Von der Agora zum forum Romanum. Große Reden der
Antike und ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen. Gibt es
heute vergleichbare Mechanismen?
C.3. Ungehaltene Reden. Ovid lässt mythische Frauengestalten
anklagende Briefe schreiben, Christa Wolf verleiht Frauen ihr Wort; doch schon
Thukydides erklärt, dass die Reden in seinem Geschichtswerk zum Teil
in der Form wiedergegeben sind, in der sie hätten gehalten werden müssen.
Hier sollen zu großen Reden (vgl. c.2.) Antworten gesucht werden (Was
hätte Catilina Cicero antworten können?), oder mythische bzw. historische
Figuren nach Analyse der Situation zu Wort kommen.
C.4. Staatsform/Gesellschaft/Redefreiheit. Die Entwicklung
der Beredsamkeit, die historische Situiertheit, ihre Höhe- und Tiefpunkte
in der Antike sollen analysiert werden. Welche Vergleiche lassen sich zur
Neuzeit ziehen?
C.5. Wort und Macht. In Rückgriff auf die Themenkomplexe
A und B soll reflektiert werden, wie das Wechselspiel von Rhetorik und Alltag
bzw. Rhetorik und Wertvermittlung funktioniert. Wer darf in wessen Namen und
mit welchen Folgen was wie zu wem sagen?
Materialien zu "C. Macht und Ohmacht der Worte – Gesellschaft und Rhetorik (2009/10)"
Das Römische Recht ist ein faszinierender Forschungsbereich. Es hat die Rechtsentwicklung geprägt und wirkt noch heute nach. Gleichzeitig gehört es zu den Themen, die uns bei der Lektüre lateinischer Texte immer wieder begegnen, die aber Fragen aufwerfen, da man mit der speziellen Thematik oft nicht vertraut ist. Das Projekt möchte die Lücke schließen. Es sollen nicht nur literarische Texte auf ihren rechtlichen Hintergrund befragt werden, sondern auch Fragen gestellt werden, wie der Alltag rechtlich geregelt war. Welche Rechte galten in der Familie? Welche Rolle spielt die Haftung? Wie war der Geldverkehr geregelt? Schließlich wird untersucht, wie allgemeine Rechtsgrundsätze heute nachwirken. Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesen Fragen soll immer auch der Vergleich mit heute gezogen werden.
D.1. Die Familie, insb. patria potestas
Wie war das Familienleben geregelt? Welche Macht hatte der pater familias?
Wie weit erstreckte sich diese? Über wie viele Generationen? Welche Rechte
hatten Frauen, Kinder?
Wo sind Parallelen, wo Unterschiede zu heute?
D.2. Haftung, Lex Aquilia
Wie war das Haftrecht geregelt? Wofür musste man haften? Was galt für
Fälle des Schadenersatzes? Wo sind Parallelen, wo Unterschiede zu heute?
D.3. Geld, insb. die Kauf-Tausch-Kontroverse
Seit wann gab es Geld und warum? Wo sah man den Ursprung? Wie war der Geldverkehr
geregelt? Was ist der Unterschied zwischen Kauf und Tausch? Wo sind Parallelen,
wo Unterschiede zu heute?
D.4. in dubio pro reo? Allgemeine Rechtsgrundsätze
heute wirkend
Woher stammen die uns heute geläufigen Formeln? Wie haben sie sich entwickelt?
D.5. Rechtsfälle in der Literatur
Rechtsfälle begegnen sehr häufig in der antiken Literatur, nicht
nur in Reden, sondern auch in Redelehrbüchern, wo groteske Rechtsfälle
erdacht sind, aber vor allem auch sonst, z.B. Fabeln des Phaedrus. Welche
Rechtsgrundlagen lassen sich feststellen? Wie ist der Rechtsfall dargestellt?
Wie soll der Leser den Rechtsfall beurteilen? Welche Funktion nimmt der rechtliche
Aspekt im Werk ein?
Allgemein:
Jedes Jahr wird eines der Themen erarbeitet. Dazu werden am Potsdamer Lateintag
die Themen jeweils vorgestellt und im Laufe des Jahres als Teilprojekte an
ausgewählten Gymnasien erarbeitet. 6 Wochen nach dem Lateintag können
sich Klassen/Kurse und ihre Lehrer/innen mit kurzen Projektentwürfen
bewerben, von denen die 10 besten ausgewählt werden; Kriterien sind u.a.
Originalität, Realisierbarkeit, Gegenwartsbezug, Zeitplan, Methodik,
Präsentation. Die Bearbeitungszeit dieser Schulprojekte beträgt
ca. ein halbes Jahr.
Jedes Projekt kann mit bis zu 700, - € finanziell unterstützt werden.
Die Schulprojekte werden von universitärer Seite wissenschaftlich betreut:
Auf schulischer Seite übernimmt je ein/e Lehrer/in die Betreuung.
Die Schülerprojekte können in unterschiedlichster Form vorgestellt
werden (wiss. schriftliche Arbeit, Ausstellung, Poster- oder Power Point-Präsentation,
Theater u.v.a.); das Projekt kann auch Thema der in der Sek. I und II verbindlich
vorgeschriebenen Facharbeit sein. Diese Projektvorstellungen finden an den
Schulen und ggf. Schulämtern, in jedem Fall jedoch bei dem darauf folgenden
Lateintag am Nachmittag als Schülerkongress statt; die Schüler/innen
sollen dadurch erfahren, dass ihre Arbeit und die erworbenen Kompetenzen Teil
des Wissenschaftsbetriebs darstellen. Die beste Präsentation erhält
einen Preis.
Ferner müssen die Ergebnisse des Projekts in einem schriftlichen Bericht
von max. 20 Seiten zusammengefasst werden, der Planung, Textauswahl, Durchführung,
Analyse der wissenschaftlichen Selbstständigkeit bzw. der Kompetenzen
in der Projektarbeit, Beschreibung der Präsentation und kritische Reflexion
enthält; in einem Anhang müssen die verwendeten Texte und Quellen
angemerkt bzw. beigefügt werden. Die besten Projektberichte werden nach
fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Auswertung ausgewählt und
neben den beiden Vorträgen vom Potsdamer Lateintag in unserer Zeitschrift
veröffentlicht. Projektberichte und Präsentationen sollen ebenfalls
in elektronischer Form auf einer entsprechenden Internetseite bzw. CD-ROM
zugänglich gemacht werden.
Verantwortlich für den Inhalt: Siehe Impressum, letzte Aktualisierung: Florian Gatterdam, 28. 01. 2011, 8:30:29